Für mehr Patientensicherheit:
Trinken bis zum OP-Abruf
Die Leitlinien erlauben klare Flüssigkeiten bis zwei Stunden vor der Anästhesie. Im Klinikalltag fasten Patienten trotzdem meist neun bis zwölf Stunden, vor allem weil sich der OP-Zeitpunkt schlecht planen lässt [1–3]. Überlange Karenz geht mit Durst, Übelkeit, Dehydratation und Insulinresistenz einher [2, 5, 6]. Dehydratation ist außerdem mit Delir sowie renalen und kardiovaskulären Komplikationen assoziiert [2, 3]. Das internationale Konsensus-Statement von 2026 fordert institutionelle Protokolle gegen überlange Flüssigkeitskarenz und lässt dabei auch die Aufnahme klarer Flüssigkeit unter 2 Stunden zu [1]. Publizierte Umsetzungen wie „Sip til Send“ und die deutschen Nüchternheitskarten-Projekte verkürzen die realen Karenzzeiten deutlich [2–4, 7].
Unser Vorgehen orientiert sich an dem Konzept der „Nüchternheitskarten“ (Dr. Anne Rüggeberg, Dr. Eike Nickel) [3, 4, 7, 8]. Nach Angaben der Initiatoren arbeiten inzwischen mehr als 140 Kliniken im deutschsprachigen Raum nach diesem Konzept. Anders als in Berlin arbeiten wir ohne laminierte Nüchternheitskarten. Die Einstufung wird in ORBIS, der OP-Anmeldung und im Narkoseprotokoll dokumentiert und auf unserer Patienteninformation angekreuzt.
Grün: Elektive Patienten ohne Gelb- oder Rot-Kriterien. Klare Flüssigkeit bis Abruf ohne Mengenbegrenzung, feste Nahrung und Milchprodukte bis 6 h präoperativ.
Gelb: Individuelle Zeiten nach ärztlicher Festlegung. Das betrifft etwa Nachmittags-OPs, Aufnahmen über die ZNA z.B bei hüftnahen Frakturen.
Rot (NPO/"Nihil per os" ab sofort): Ileus bzw. GI-Obstruktion (Magensonde prüfen), schweres Trauma, abdominelle Notfall- und Revisionseingriffe, Pylorusstenose, Magenvolvulus, aktives Erbrechen.
Bereichsspezifische SOPs haben Vorrang. Bei Erbrechen, neuer Regurgitation oder Aspirationsverdacht wird die orale Zufuhr gestoppt und anästhesiologisch neu bewertet.
Bei Fragen erreichen Sie uns über das Sekretariat der Klinik für Anästhesie, Intensivmedizin und Schmerztherapie.
Literatur
- Rüggeberg A, El-Boghdadly K, Bilotta F, et al. Peri-operative fasting in adults: an international, multidisciplinary consensus statement. Anaesthesia. 2026;81:840–851. doi:10.1111/anae.70130
- Rüggeberg A, Meybohm P, Nickel EA. Preoperative fasting and the risk of pulmonary aspiration – a narrative review of historical concepts, physiological effects, and new perspectives. BJA Open. 2024;10:100282. doi:10.1016/j.bjao.2024.100282
- Rüggeberg A, Meybohm P, Nickel EA. Patient safety in anaesthesia: the European Patient Safety Foundation and the German Coalition for Patient Safety ‘Fasting Cards’ initiative. Br J Anaesth. 2025;134(4):1256–1258. doi:10.1016/j.bja.2025.01.009
- Rüggeberg A, Nickel EA. Unrestricted drinking before surgery: a structured patient interview. Anaesthesia. 2023;78:911–913. doi:10.1111/anae.15997
- Smith I, Kranke P, Murat I, et al. Perioperative fasting in adults and children: guidelines from the European Society of Anaesthesiology. Eur J Anaesthesiol. 2011;28:556–569. doi:10.1097/EJA.0b013e3283495ba1
- Rüggeberg A, Schindler E, Kranke P. Leitlinien im Wandel – Neues von der „Guideline on perioperative Fasting in Adults“ der ESAIC. Anästh Intensivmed. 2024;65:404–406. doi:10.19224/ai2024.404
- Rüggeberg A, Nickel EA. Unrestricted drinking before surgery: an iterative quality improvement study. Anaesthesia. 2022;77:1386–1394. doi:10.1111/anae.15855
- Helios Klinikum Emil von Behring, Berlin. Nüchternheitskonzept „Trinken bis Abruf“ – FAQ und Umsetzungsmaterial. https://www.helios-gesundheit.de/standorte-angebote/kliniken/berlin-zehlendorf/leistungen/fachbereiche/anaesthesiologie/nuechternheit/ (abgerufen am 22.09.2026)